K ein Produkt im Supermarkt
steht rein zufällig an seinem
Platz. Marketingexperten
berechnen ganz genau, wann, wo
und wie der Kunde am ehesten
zugreift.
Dabei werden die Tricks
immer raffinierter: Vanilleduft
verführt Frauen zum Kauf und
flauschige Teppiche bremsen die
Einkaufswagen.
Marketingexperten
berechnen genau,
welches Produkt wo
im Supermarktregal
stehen soll, damit
es gekauft wird
Schaufenster werden künftig
mit ihren Betrachtern auch
reden. Blickt der Passant
zum Beispiel intensiv auf
das ausgestellte
Kaffee-Service, erklärt eine
Stimme die Vorzüge des
Produkts. Bildschirme im
Schaufenster zeigen dann
Zusatzdaten zum Porzellan.
Hinter dieser
Entwicklung aus der schönen
neuen Welt steckt eine
Technik, die Philips in
dieser Woche vorgestellt
hat. Über eine Kamera
erfasst Spezialsoftware, wie
lange ein Passant ein
bestimmtes Produkt
betrachtet, und spielt
darauf die Ton- und
Bilddokumente ein. Das kann
Kunden zumindest schon mal
in das Geschäft locken. Dass
sie dann mehr kaufen, als
sie eigentlich wollten,
dafür sorgen noch ganz
andere Tricks.
Wenn auf dem Einkaufszettel
zum Beispiel nur Milch,
Eier, Zahnpasta und
Waschmittel standen, so
packt der Kunden zu Hause
oft genug noch eine ganze
Menge anderer Güter aus. Da
war noch Joghurt, da waren
zwei Flaschen italienischer
Wein, recht teure Hausschuhe
und eine elektrische
Zahnbürste ... Nicht selten
ärgert man sich dann und
fragt sich, wie es dazu
kommen konnte.
Es steckt natürlich Plan
dahinter. Kaum jemand kauft
in einem Geschäft nur die
Waren, die auf dem
Einkaufszettel stehen. Für
mehr als zwei Drittel der
gekauften Produkte haben
sich die Kunden spontan im
Geschäft entschieden. „70
Prozent der
Kaufentscheidungen in einem
herkömmlichen Supermarkt
werden emotional getroffen“,
sagt Manfred Bruhn,
Professor für Marketing an
der Universität Basel. Und
zahlreiche Forscher weltweit
arbeiten daran, dass dieser
Anteil noch größer wird.
Microsoft zum
Beispiel wird zusammen mit
MediaCart demnächst
Einkaufswagen mit
Ortungssendern und
Bildschirmen ausstatten. Der
Test läuft in Filialen des
US-Lebensmittel-Händlers
Wakefern. Über ein
Funk-Netzwerk lässt sich auf
Zentimeter genau bestimmen,
welche Wege der Kunde
zurücklegt und wann er wo
wie lange stehen bleibt.
Passend zu den Produkten im
Regal zeigt der Bildschirm
im Wagen Werbespots.
Ganz besonders offene Kunden
ziehen vor dem Gang durch
den Markt ihre Kreditkarte
durch ein Lesegerät. So kann
der Rechner im Wagen den
Kunden identifizieren und
schon nach drei oder vier
Besuchen im Geschäft Tipps
für den Einkauf geben. Damit
lassen sich Kaufprofile
erstellen. Letztlich machen
Werbe-E-Mails Kunden
automatisch darauf
aufmerksam, dass in den
kommenden Tagen ihr Vorrat
an Zahnpasta zu Ende geht.
Neuromarketing ist der
letzte Schrei bei den Experten
Neuerdings ermitteln
Hirnforscher, wie bestimmte
Umwelteinflüsse auf das
Kaufverhalten wirken. Dieses
Neuromarketing ist der
letzte Schrei bei den
Marketing-Experten. Die
Wissenschaftler haben zum
Beispiel herausgefunden,
dass die Gehirne der Kunden
beim Betrachten von Logos
nur wenig und in
ausgewählten Regionen aktiv
sind. Ist auf der Packung
dagegen ein Gesicht zu
sehen, werden auch mit
Gefühlen und Gedächtnis
verbundene Regionen
angesprochen. Dadurch kann
sich der Kunde an die so
beworbenen Produkte später
besser erinnern.
Wichtig ist auf jeden Fall
die Qualität der Abbildungen
auf Verpackungen.
„Fotografen, die
Fertiggerichte für
Verpackungen ablichten,
hätten eigentlich den
Nobelpreis für
hervorragendes Fälschen
verdient. Nirgendwo ist der
Unterschied zwischen Foto
und Packungsinhalt größer
als in diesem Segment“, sagt
Bruhn.
Die Wissenschaftler
untersuchen mittlerweile
sämtliche Einflüsse in einem
Geschäft. Am besten kauft es
sich zum Beispiel bei 19
Grad Celsius ein. Ist es zu
warm, werden die Kunden
träge, ist es zu kühl,
verlassen sie zu schnell
wieder den Supermarkt.
Vanilleduft regt Frauen zum
Kauf von Kleidung an
Besonderen Einfluss haben
auch Düfte. Riecht es nach
Vanille, kaufen Frauen mehr
Kleidung als bei neutralen
Duft. Bei Männern sollte es
ein würziges Aroma sein.
Viele Supermärkte haben nur
deshalb eine Bäckerei, weil
es dann immer nach frischen
Brötchen duftet.
Auch die Musik kommt nicht
wahllos aus den
Lautsprechern. Gehen morgens
die Rentner einkaufen, sind
die Klänge ein wenig
rustikaler, kommen die
Jugendlichen mittags aus der
Schule, wird es lauter, und
für die gestressten
Büroangestellten erklingen
nach 18 Uhr ruhige Stücke.
Wein verkauft sich am besten
bei Berieselung mit
klassischer Musik.
Gibt es deutsche Weisen zu
hören, greifen die Kunden
eher zu Riesling, erklingt
italienische Musik, ist es
der Chianti. Am besten ist
Musik, wenn sie gemäßigte 72
Taktschläge pro Minute
liefert. Alles andere
schläfert ein oder schlägt
Kunden in die Flucht.
Besonders wichtig für die
Marktbetreiber ist es, dass
die Frauen schon am Eingang
ihre männliche
Kaufbegleitung loswerden.
Das gilt zumindest für
Kaufhäuser und Supermärkte,
nicht jedoch für Elektronik-
und Heimwerker-Märkte. Gehen
Frauen mit Frauen einkaufen,
heißt das Shopping, und es
dauert doppelt so lange, als
wenn Frauen mit Männern
einkaufen gehen.
Sehen Männer nicht sofort
eine Umkleidekabine, gehen sie
wieder
Sind Männer allein, rennen
sie durch den Laden,
arbeiten stur ihre
Einkaufsliste ab und hetzen
wieder zur Kasse. Zwei
Drittel von ihnen kaufen die
Jeans, die sie mit in die
Umkleidekabine genommen
haben, bei Frauen ist es nur
ein Viertel. Sehen Männer
die Umkleidekabine nicht
sofort, gehen sie wieder. So
wichtig ist es ihnen nun
auch wieder nicht, eine neue
Jeans zu kaufen.
Solche Details beim Aufbau
eines Geschäfts können
entscheidend für das
Kaufverhalten sein. Es
beginnt damit, dass die
Eingänge fast immer rechts
auf der Frontseite sind, da
sich Menschen gern gegen den
Uhrzeigersinn bewegen. Beim
Gang durch das Geschäft
stoßen Kunden alle paar
Meter auf Paletten, Ständer
oder Tische, die den Weg
versperren. Sie sollen nicht
nur den Blick auf die dort
platzierten Waren lenken,
sondern das Tempo drosseln.
Dieses Verfahren heißt
Blocking.
Abbremsen ist wichtigstes
Mittel, Kunden zum Kaufen zu
bringen. Direkt hinter der
Eingangstür zum Beispiel
soll der Kunde erst einmal
innehalten. Die ersten Waren
kommen frühestens fünf
Schritte hinter der Tür.
Damit Kunden möglichst
gemächlich vorankommen, ist
der Untergrund entsprechend
schwergängig. Bei Waren, die
der Marktbetreiber am
ehesten verkaufen möchte,
ist der Teppich am
flauschigsten. Das bremst
den Wagen ab.
Für Senioren sind Sessel
nötig, die möglichst bequem sein
sollten
Für Senioren – vor allem in
Begleitung der Familie –
sind Sessel nötig. Bei Opa
können dann die Enkel ihre
ausgesuchten Produkte
deponieren. „Die meisten
Sessel sollten bequem sein,
anders als in
Fastfood-Restaurants. Deren
Hocker sind so gestaltet,
dass Kunden höchstens zehn
Minuten komfortabel darauf
sitzen können“, sagt Paco
Underhill, Chef von
Envirosell, einer der
weltweit einflussreichsten
Beratungsfirmen für
Einkaufsmärkte.
Im ersten Drittel eines
Regals stehen möglichst
viele unterschiedliche
Produkte. Das zwingt den
Käufer zum langsameren
Gehen, wenn er die Waren
alle erfassen möchte. Nach
einem Drittel des Regals
kommt fast jeder Kunde zum
Stillstand. Daher stehen
hier die Waren, die am
ehesten verkauft werden
sollen.
Hoch getürmte Stapel,
Großpackungen und bunte
Hinweisschilder
signalisieren, ein Produkt
sei billig – auch wenn es
gar nicht stimmt. Paletten
und Schilder mit der
Aufschrift „Nur heute im
Angebot“ suggerieren, dass
die Ware schnell vergriffen
sein könnte. Also lieber
gleich in den Wagen legen.
Und dieser Wagen ist ganz
besonders groß und will
prall gefüllt sein. Am
besten mit teuren Produkten,
die daher in Augenhöhe und
rechts in der Greifzone
liegen. Sogenannte
Schnelldreher wie Milch und
DVDs, die Kunden häufig
kaufen, sowie günstige
Produkte sind eher unten
links in der Bückzone.
So manipulierbar, wie
Marketing-Forscher es sich
wünschen, ist der Mensch nicht
Dinge, die Kunden immer
gebrauchen, befinden sich in
der Streckzone ganz oben im
Regal, zum Beispiel
Zahnpasta. Wer sich dahin
streckt, dessen Augen ruhen
beim Zugreifen garantiert
auf etwa der teuren
elektrischen Zahnbürste. Die
günstigeren Modelle liegen
in der Regel an der
Stirnseite des Regals, damit
der Kunde die Preise nicht
direkt vergleichen kann.
Sehr beliebt sind auch
Kombi-Platzierungen. Neben
den MP3-Playern zum Beispiel
liegen teure Kopfhörer,
neben den Spaghetti teure
Tomatensaucen. Einige Meter
weiter sind häufig
vergleichbar gute Produkte
für weniger Geld. Doch bis
dahin hat der Kunde den
zuvor gesehenen Preis schon
wieder vergessen.
Wenn Produkte
einer Kategorie doch einmal
unter- oder nebeneinander
stehen und damit ein
Vergleich möglich ist, haben
die Marketing-Experten dies
bewusst so gemacht. Dann
findet sich neben dem teuren
und dem günstigen Produkt
noch ein extrem teures. Der
Mensch tendiert bei
Kaufentscheidungen zur
Mitte, auch wenn das
günstigste Produkt den Zweck
genauso gut erfüllen würde.
Doch ganz so manipulierbar,
wie die Marketing-Forscher
es sich wünschen, ist der
Mensch nicht. Wer dann
tatsächlich merkt, dass er
beeinflusst wird, verlässt
das Geschäft, ohne viele
Produkte gekauft zu haben.
Und wer vorher durch zu
viele Schikanen aufgehalten
wird, fängt an, sich über
den Zeitverlust zu ärgern.
Im deutschen Durchschnitt
liegen in jedem Haus und
jeder Wohnung 15.000
einzelne Gegenstände. Ein
wenig Kaufzurückhaltung ist
da durchaus zu verschmerzen.
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