1. Der Wasserbüffel hatte was gegen die Dorfprozession (Jannis)

 
 

 

Dass verschiedene Tiere ihre Reizfarben haben worauf sie aggressiv reagieren ist inzwischen auch dem Jannis bekannt. Ob allerdings der schwarze Wasserbüffel auf die Farbe schwarz mit Angriff reagiert hat er nirgendwo gelesen oder gehört. War doch was anderes? Also, der Reihe nach.

In Savra verpasste man keine Gelegenheit um gemeinsam zu feiern, zu beten und manchmal auch zu streiten.

Am 6. Januar jedes Jahr wird die Taufe des Gottessohnes gefeiert. Der Ablauf ist seit Generationen fixiert und wird genau eingehalten. Der Kirchenbesuch morgens mit den üblichen Gesängen und Weihrauch. Danach endlich bildet sich die Prozession vor der Kirche im Freien. Der Pfarrer mit seinen Helfern ganz vorne. Seine Hauptwerkzeuge Evangelium und Weihrauchkelch trägt er persönlich. Große Ikone der bei der Taufe mitwirkenden Heiligen werden von den Helfern getragen. Dahinter formieren sich die Kirchenbesucher. Diese sehr farbenfrohe und feierlich gestimmte Menschenmasse beginnt sich zu bewegen. Ziel ist die Viehtränke, damit auch das Viehwasser für das ganze Jahr gesegnet wird. Das hat der Wasserbüffel nicht gewusst. Unterwegs murmelt der Pfarrer monoton irgendwelche Passagen aus den Kirchenbüchern. Oder vielleicht selbsterdichtete Gebete? Wer konnte es und warum kontrollieren. Die Kinder laufen mit. Manchmal wurde auch das „sich in die Menge Verstecken und Finden“ gespielt. Wichtigste Spielregel war die Vermeidung der Pfarrernähe. Nach ca. eine Stunde bei dem sehr langsamen Tempo mit Haltepunkten dazwischen, damit auch andere Dinge gesegnet werden, erreichte die Prozession ihr Ziel. Nun standen sie alle da vor dem fließenden Wasser der Tränke. Der Pfarrer legte seine Werkzeuge und Ikonen auf einen mitgebrachten Tisch und - ständig wedelnd mit dem Weihrauchkelch - erhöhte die Stimmlage und fing an mit seinen Gehilfen wieder zu singen. Die Eltern sorgten dafür, dass die Kinder ruhig blieben. Zwischendurch wurden auch Tiere zu der Tränke geführt, damit sie das frischgesegnete Wasser trinken. Wozu? Sicher ist sicher. Die Tiere bleiben gesund.

So war es auch an diesen Morgen.

Mehrere Wasserbüffel wurden in die Tränke geführt. Die meisten waren friedlich und hatten nur eins vor. Trinken und zurück zum Futter. Nicht alle! In ca. zwanzig Meter Entfernung blieb ein Wasserbüffel stehen, hob den Kopf hoch, schaute sich diese potenzielle Wasserkonkurrenz an und mit gesenktem Kopf und den Hauptdarsteller mit seinen Utensilien im Visier legte los. Ein Wasserbüffel kann sehr schnell sein. Trotz Gesang und Weihrauch merkte der Pfarrer als erster, dass der Büffel zu ihm kommt! Die anderen standen da ohne Reaktion. Es ging alles sehr schnell. Der Pfarrer schnappte sich das Evangelium und mit aufgerissenen Augen und flatterndem schwarzen Talar lief er davon. Inzwischen hatte der Büffel den Tisch erreicht und nahm ihn auf seine Hörner ohne jedoch das Tempo zu drosseln. Die auf dem Tisch aufgestellten Ikonen der Heiligen fielen auf den Boden und schauten dem Geschehen tatenlos zu. Was kann man auch gegen einen wütenden Büffel tun? Oder doch? Um den Tisch waren etliche Kinder versammelt um die Wassersegnung aus der Nähe zu erleben. Der Büffel hatte nichts gegen die Kinder. Er hat sie nicht einmal berührt.

Der einzige, der die prekäre Situation des Pfarrers schnell erkannt und reagiert hat, war der moslemische Büffelhirte. Das schon wieder auftauchende multikulturelle Bild passte. Davonlaufender Pfarrer mit Evangelium und Weihrauchkelch, dahinter Büffel mit Tisch und anschließend mit großen Schritten ständig den Abstand verkürzender und laut auf türkisch fluchender Hirte! Ob die Flüche des Hirten oder die christlichen Gebete des Pfarrers wirksam waren ist nicht nachvollziehbar. Der Büffel hatte seine Meinung geändert. Blieb stehen drehte sich um und wurde von dem Hirten, ohne das gesegnete Wasser genießen zu dürfen, mit den anderen Tieren davongetrieben. Der zehnjährige Jannis saß auf der Steinmauer der Tränke und beobachtete ängstlich die Szene. Und wenn der Büffel den Pfarrer erwischt? Geht er dann auf uns los, auf mich? Ist die Mauer hoch genug? Für diesen großen Büffel sicher nicht. Und dann? Gott sei Dank. Das Wasser ist gesegnet und der prozessionsfeindliche Büffel weg.

Die Menschenmenge sammelte wieder ihren Pfarrer. Evangelium, Weihrauchkelch, schwarzer Talar, bleiches Gesicht und zitternder Bart. Er hatte keine Lust mehr zum Singen. Er konnte auch nicht. Dieses Mal haben wir die Tradition gebrochen und auf dem sehr schnellen Rückweg keine Haltepunkte zum Segnen gemacht.

Der Pfarrer wollte es so. Er hatte sicher seine Gründe.      

Dem Büffel ging es aber nach diesen Gefühlsausbrüchen auch nicht viel besser. Der Besitzer hat ihn am Schlachthof verkauft und vom Erlös wurde der Kirche eine große Ikone gestiftet.

Damit hat sich wieder mal bestätigt, dass das Trinken vom gesegneten Wasser gesünder ist.

 

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