Karle´s  Wald  (Otmar)                 

 

 

Also, gut. Ihr gebt ja doch keine Ruhe. Ich werde euch die Geschichte von „Karle´s Wald“ erzählen. Der Otmar positionierte sich auf seinen Stuhl im Naturfreundehaus in eine bequemere Lage, nippte kurz an seinem Trollinger und mit einem tiefen Atemzug, als wollte er während der Erzählung durch das lästige Atmen nicht mehr gestört werden, begann er zu erzählen:

Meine Familie lebte damals in der Peripherie von Sulz a. N., sozusagen im Grünen. Da es aber fast zu viel grün gab mit Wiesen, Wald und anderen Bäumen könnte man auch sagen, wir lebten in einer ländlichen „Pampas“. Manchmal schaute ich von unserer Steinbruchspitze hinunter und sagte mir, ich  habe es hier schön. Fast wie im Kinderparadies!! Die da unten in Sulz haben bestimmt kein Schlangenwegle, wie unseres ! Unser Fluss Neckar war in jeder Jahreszeit einer der vielen Spielplätzen für die Kinder. Einen Kindergarten hatten wir nicht. Wozu? Die Natur offenbarte uns Kindern jeden Tag ihre Geheimnisse. Ich hatte mit der Zeit ein privilegiertes Wissen über die Natur erworben.  Das war, wie man sieht, eine sehr gesunde Mischung aus Natur, Freiräumen, selbsterfundenen Spielregeln und Freiheit. Das mit der Freiheit hatte natürlich einen kleinen Haken!! Mein Vater erzog uns sehr streng und wenn wir manchmal unsere Freiheitstoleranzen ausdehnten bekamen wir es schmerzlich zu spüren! So war es auch, als ich mal auf dem Rückweg von der Schule am Neckar eine kleine Pause machte und beim Spielen mit anderen Kindern vergaß, meinen Schulranzen mit nach Hause zu nehmen. Auf die komischen Fragen, wo den mein Schulranzen sei, hatte ich keine schnelle, vor allem gute, Antwort. Der Rest war klar!! Das zweite Haar an meiner Suppe war manchmal die Schule. Nein, nicht die Schule, sondern der Lehrer. Ich besuchte als neunjähriger die dritte Grundschulklasse. Unser Lehrer war eigentlich von der Qualifikation her eher ein Halblehrer, zudem auch ein „Fischkopf“. Die richtig ausgebildeten Lehrer waren alle im Krieg (Gefangenschaft). Das wären aber menschliche Merkmale, die ich noch akzeptieren würde, wenn er nicht manchmal so geschwollen daherschwätzen würde!! Er ließ uns manchmal  Aufsätze schreiben über die üblichen Themen wie „Mein Schulweg“ oder  „Unsere Haustiere“ u. s. w. ......

So weit, so gut. Keine Probleme. Über „Mein Schulweg“, beispielsweise, brauchte ich mich gar nicht anzustrengen. Ich habe das mir sehr gut bekannte„Schlangenwegle“ mit Zick-Zack-Wegle und anschließender Himmelsleiter beschrieben und bin sogar gelobt worden. Da beschloss dieser Halblehrer eines Tages meinen Wortschatz zu erweitern, wobei er natürlich das Risiko einging, meine bis dahin tolerierende Haltung ihm gegenüber zu verlieren!!

Die Hausaufgabe für den nächsten Tag lautete: Kurzen Aufsatz über den „Karneval“ zu schreiben. Da haben wir es wieder. Karneval? Was ist das? Nein, keine Fragen stellen. Erstens will ich schnell nach Hause und zweitens, wer gibt sich schon die Blöße zu fragen! Ich werde es schon herausfinden, was dieses blöde „Karneval“ ist. Er wird sich wundern!

Unterwegs nach Hause lachten und erzählten die anderen Kinder über ihre Tageserlebnisse. Ich sah und hörte sie nicht. Karneval, Karneval. . Was kann das sein. Es hat bestimmt etwas mit Wald zu tun, aber was soll das „K“ davor? Ich hörte fast meine Gehirnräder rattern. Und plötzlich war es klar!! Dieser Halblehrer meint bestimmt  Karle´s Wald und sagt einfach Karneval. Wie dumm von ihm. Ich kenne doch den Kuhhirten Karle, der in der Wiese neben dem Wald seine Kühe weiden lässt. Das Thema ist ergiebig. Der Lehrer ist vielleicht doch nicht so dumm!!

Kaum zu Hause und gegessen machte mich sofort an die Arbeit. Ich wollte keine Zeit und vor allem die fertig im Kopf strukturierte Aufsatzarbeit über „Karle´s Wald“ verlieren. Dieser Lehrer würde sich schon wundern, was ich über sein Thema zu erzählen hatte! Dazu kam es nicht!! Währen ich konzentriert aus meinem Wissensreservoir schöpfend mein Werk entwickelte, merkte ich nicht, dass mein Vater und mein Bruder sich hinter meinen Rücken positioniert hatten und mein Werk studierten. Das laute, diesmal aber gutgelaunte, Lachen meines Vaters zeigte mir, dass hier etwas schief lief. Aber Bub, der Lehrer meint doch, einen Aufsatz zu schreiben über Karneval, über Fasching!! Wo hast du denn den „Karle´s Wald“ her?? Waaas? Ich fühlte mich irgendwie von allen verschaukelt!

Später habe ich festgestellt, dass dieser alte Grieche Platon recht hatte: „Im Zustand der Euphorie können keine Wahrheiten vermittelt werden“.          

 

HOME                                            Geschichten-Übersicht                              nächste Geschichte